UNVERHÄLTNISMÄSSIG


Ich bin mir bewusst, dass die Arbeit als Polizist schwierig und vor allem äusserst undankbar ist. Aber vorgestern Abend in Kombination mit vergangener Nacht lässt mich schon ein bisschen an der Verhältnismässigkeit der Churer Polizei zweifeln.

Achtung, viel Text.

Denn, folgendes: Dienstag Abend um ungefähr 21:00 Uhr stand ich rauchend auf den Balkon und beobachtete zwei Polizisten, ein Mann und eine Frau, bei der Kontrolle des öffentlichen, gebührenpflichtigen Parkplatzes vor unserem Haus. Das machen die nämlich sehr gerne und sehr oft. Jedenfalls schleicht der Mann gerade so mit seiner LED-Taschenlampe rumfuchtelnd zwischen den Fahrzeugen umher als weiter vorne ein Auto um die Ecke kommt aus dessem Inneren ziemlich laute Musik zu hören ist. Der Beamte schreckt auf, berechnet in Sekundenschnelle ob sich der Aufwand lohnt und watschelt hektisch, also so schnell es sein Spezialausrüstungskampfgürtel zulässt, auf die Strasse, winkt den Fahrer an den Rand und fordert ihn mit einer garantiert aus Filmen abgekupferten Handbewegung auf, die Scheiben runter zulassen. Freundlich aber bestimmt weist er den Lenker darauf hin, dass er ihn schon von ‘da ganz weit vorne’ gehört habe und dass es schon spät sei und dass das nicht geht in einem Wohnquartier und überhaupt bin ich ein Polizist und hab schlechte Laune. Und weil der Polizist gerade so in Stimmung ist und der Fahrer scheinbar zu argumentieren versucht, lotst er das Fahrzeug von der Strasse auf den Parkplatz. Dies natürlich erst nach intensiver Überprüfung der Personalien, was übrigens definitiv eines der lustigsten Pseudo-Machtdemonstrationen der Polizei ist. Und dann, zu meinem grossen Erstaunen, bittet der Beamte per Funk um Verstärkung. Also so richtig per Funk; zwei Schritte zurück, den Kopf leicht zur Seite geneigt, Augenkontakt aufrecht halten und ins Funkgerät unterhalb der Schulter murmeln. Ebenfalls wie im Film. Da bin ich dann doch ein wenig überrascht und zünde mir eine zweite Zigarette an. Wozu Verstärkung?

Die Polizistin, welche die Action natürlich schon längst gewittert hatte und dem Geschehen wortlos beiwohnte, stiefelt nun auf Geheiss des männlichen Polizistens, laut schnaubend und wild kennzeichennotierend ums Auto, derweil er (Augenkontakt!) konzentriert auf die Verstärkung wartet.
Die kommt dann auch sogleich. Einer dieser hübschen, grossen BMWs. Mit zwei Polizisten drin. Beide, ein schöner Kontrast zu den dunkelblauen anderen beiden, in grellen, übergrossen, orangefarbenen Jacken. Der Fahrer durfte mittlerweile aussteigen und läuft, sichtlich genervt und laut aber bedacht fluchend, hin und her. Die Beamten beugen sich derweil alle vier über ein im Kofferraum des BMW angebrachtes, tischähnliches Dings und füllen Papierkram aus. Nach ein paar Minuten begibt sich einer der Beamten zu dem sich mit einem Passanten unterhaltenden Fahrer und sagt ihm etwas, das ich nicht verstehen kann. Der Fahrer aber, freundlich wie er ist, wiederholt es daraufhin so laut, dass es auch ich verstehen kann: EINE VERZEIGUNG? Und dann hagelt es Schimpfwörter. Zwar alle wohl bedacht, wie mir scheint, aber sie hageln. Und zwar auf alle vier Beamten. Gefühlte zwei Stunden lang. Ich, bis dahin sehr amüsiert, bin nun ebenfalls überrascht. Eine Verzeigung für laute Musik um 21:00 Uhr? Selbst eine Busse wäre um diese Zeit ein klein wenig übertrieben gewesen. Nunja.
Der Fahrer jedenfalls verschwand dann nachdem er den Polizisten keinen schönen Abend wünschte. Die Beamten verschwanden auch. Die orangefarbenen irgendwohin und die dunkelblauen zum nächsten Parkplatz. Parkbussen und so.

Ein kleiner Vorfall, der die Willkür noch ein wenig unterstreicht, hab ich jedoch noch vergessen. Während dem ganzen Verzeigen und Fluchen und Argumentieren war einer der dunkelblauen Beamten, also der Mann, kurz nicht beschäftigt und trottete ein wenig auf dem Parkplatz umher, als ein Auto mit ziemlich lautem Motor vorbei fuhr. Der Beamte sprang beachtlich schnell auf die Strasse worauf das Auto ziemlich abrupt bremsen musste. Diesen Fahrer wies der Polizist ebenfalls auf den Parkplatz, überprüfte selbstverständlich die Personalien, widmete sich wieder ein paar Minuten dem anderen “brisanten Fall” und dann durfte der Lenker wieder weiterfahren. Einfach so aufgehalten. Weil man halt scheinbar gerade Lust dazu hatte.

Der ganze Vorfall dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Vier Beamte. Für lautes Musikhören. Na gut.

Jetzt aber die Kombination mit vergangener Nacht: Zweimal wurde ich wach. Das erste Mal um ca. 1 Uhr. Ein Auto stand mit laufendem Motor auf dem Parkplatz, die Türen offen, laute Musik. Sehr laute Musik. Ungefähr 10 Minuten lang. Keine Ahnung warum. Egal. Dann das zweite Mal um ca. 3 Uhr. Wirklich wirklich sehr laut jolende, italienisch sprechende Männer verliessen das Puff von gegenüber. Und zwar jeder der Männer einzeln. Erster Mann: Pufftüre auf, laute Musik von drinnen nach drausen, Pufftüre knallt zu, Mann johlt. Zweiter Mann. Pufftüre auf, laute Musik von drinnen nach draussen, Pufftüre knallt zu, Mann johlt mit anderem johlenden Mann. Johlen also verdoppelt. Und das ungefähr 10 mal. Sehr schön. Zehnfaches Johlen. Ich also hellwach, blättere ein wenig in meinem neuen Batman-Comic (übrigens das absolute Über-Comic) und versuche mich zu beruhigen, als zwei Autos vorfahren: Lauter Motor, Türe auf, laute Musik, Türen bleiben offen und Musik an und die Männer sind nun zu zwölft am johlen. Und das um 3 Uhr morgens.

Fuck you. Echt. Also sowohl die johlenden Italiener als auch die Polizisten mit ihren Willküreinsätzen. Der arme Kerl von vorgestern bekommt eine Verzeigung wegen lauter Musik. Um 21 Uhr. Da schläft kein Mensch. Und falls doch, wohnt er halt im falschen Quartier. Aber die italienischen Johler, um 3 Uhr, bekommen gar nichts. Das kriegt die Polizei gar nicht mit. Die schläft dann. Das ist so typisch Churer Polizei. Wirklich.
Und es ist keineswegs so, dass das selten ist. Also erhöhte Lärmemmisionen  in der Nacht. Hab ich auch nicht wirklich ein Problem damit, schliesslich wusste ich schon bevor ich hier einzog, dass dieses Quartier nicht gerade ruhig ist. Aber es geht mir eigentlich darum, dass man niemanden um 21 Uhr wegen zu lauter Musik verzeigen darf. Das ist absoluter Unsinn.

Aber ich vermute mal stark, da gehts um Statistiken. Liest sich sicher gut im Protokoll. Und in den ekelhaft Selbstbeweihräucherungs-Pressemitteilungen.

Und wer sich jetzt über obiges Bild wundert; im Auto des armen Kerls von vorgestern lief Macarena von Los del Rio.
DAFÜR wiederum wäre sogar ein Jahr Einzelhaft verhältnismässig gewesen.

Heeeeeeeeey Macarena!

    12 Kommentare

  • Simon

    Das ist ja wiedermal eine sehr schöne Geschichte.
    Konntest Du irgendwie erkennen, ob der Herr im Fall 1 ein CH-Landsmann war?

  • @Simon: Nein, eher kein CH-Mann. Italiener eher. Der hat glaube ich was mit Dinos Pizza zu tun. Lieferantenchef oder sowas. Warum?

  • Simon

    Ach nur so, solche Informationen dienen meiner jahrelangen, persönlichen Suche nach dem Muster des Lebens.
    Kapitel 7: Polizeiliche Eingriffe – Schema oder Willkür?
    ;-)

  • Gib Bescheid, wenn du es gefunden hast.

  • Simon

    Jop. Kann aber sein, dass es etwas länger dauert.

  • Gopfertammi, du musst dringend mehr solche Vom-Balkon-beobachtet-Geschichten schreiben. Grossartig.

    Es gibt wahnsinnig viele Polizisten, die einfach nur machtgeil sind. Hab ich auch schon gemerkt. Merkt man sowieso ziemlich schnell, wenn man ein Auto fahrt, das auch nur ein klein wenig vom Standard abweicht.

  • @Kevin: Danke.
    Jo, das ist schon so. So ‘getunte’ Autos nehmen sie schon lieber raus als andere. Aber das war ein normaler Volvo-Kombi. Den zweiten, den er grundlos rausnahm, das war schon eher ein Stereotyp-Mobil….BMW, dunkel, getönte Scheiben.

    Du musst Firmenfahrzeuge fahren. Die werden sehrsehrsehrsehr selten kontrolliert. :-)

  • Hannah

    Toll geschrieben. Dein Balkon ist die Super-Quelle für tolle Geschichten, weiter so!

  • @Hannah: Danke. Passiert halt leider nicht ständig etwas. :-)

  • Andri

    Schrib das als läserbriaf.
    idiota.

  • @Andri: Hatte ich zuerst auch vor. Irgendwie. Mal sehen.
    Aber heute ist auch ein lustiger Leserbrief in der SO. Von Gian-Marco Schmid. Von Polizisten die gezielt Plakate eines Punkkonzertes entfernen. Das Plakat mit der beinespreizenden Frau mit dem Sackgassen-Schild vor der Vagina. :-)

  • Andri

    Wollte jetzt gerade auch nochmals posten und auf den Leserbrief von Gimma ufmerksam machen.. aber du hast ihn ja bereits gesehen ;-)
    würde sich gut anbieten um nachzuhaken…

    1 Pingback

  • Spezialbeilagenmitternachtstoast – DER HARTMANN

    [...] ich dachte, nur der Damian sieht solche wirklich komischen Sachen (siehe dieser amüsante Beitrag hier). Doch auch ich kam gestern Nacht in den Genuss eines wirklich sehr seltsamen, aber dennoch [...]

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Der fastvierteljahrhundertjährige Damian ist ausserordentlich gerne im Internet unterwegs, obschon er alles andere als ein Internetkind erster Stunde ist sondern während seiner Kindheit lieber Bäume gefällt hat und von Stalldächern in Tiefschnee gesprungen ist. Sein beruflicher Werdegang beinhaltet eine technische Ausbildung in der Baubranche, welche rückblickend aber eher eine Selbstfindungsphase war, ihm aber ein sehr ausgeprägtes wirtschaftliches Verständnis auf den Weg gab. Mittlerweile hat er sein langjähriges Hobby zum Beruf gemacht und darf bei seinen konzeptionellen und grafischen Arbeiten in der Werbeagentur CLUS stets aufs Neue feststellen, dass seine autodidaktische Ausbildung sehr effizient war und das ihm nachgesagte Gespür dafür kein Hirngespinst ist. So empfiehlt er seinen Arbeitgeber natürlich gerne weiter oder erledigt kleinere Arbeiten auch privat. Einfach melden.

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Aus den knapp dreizehn Billiarden Websites die er gerne liest, filtert Damian zum Wohle der Menschheit das in seinen Augen beste heraus und präsentiert es, garniert mit seiner Meinung dazu, auf diesem Blog hier.

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Das zum anderen. Zum anderen anderen berichtet er zwischendurch auch über persönliches. Dazu zählt sowohl alles private, das er mitteilungswürdig findet (Stalkerfutter) als auch Zwischenbilanzen oder kurze Hinweise auf Projekte, die er, meist unter der Obhut von LUAGSH, abgeschlossen hat oder abschliessen wird (Luagshprojekte und Hausgemachtes).

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