DER MOFAMANN


Oft aber keineswegs regelmässig parkt ein alter Mann sein Mofa im Fahrradunterstand der Wohnsiedlung in welcher ich wohne. Konkret heisst das, dass er jeweils sehr früh am Morgen, schon von weitem hörbar, angeknattert kommt, in unseren Innenhof einbiegt und direkt unterhalb unseres Balkons sein Mofa in die für Zweiräder vorgesehenen Unterstände stellt. Den Motor lässt er dann jeweils noch kurz laufen. Um den Turbo zu kühlen. Denkt er möglicherweise.

Nach dem Abstellen des Motors bockt er sein Mofa immer unter grösster Anstrengung auf und werkelt jeweils noch irgendwas daran rum. Da er sich in dem Moment noch immer unter der Überdachung des Unterstands befindet, kann ich nicht erkennen was genau er rumwerkelt. Jedenfalls kniet er dann vor seinem Gefährt und erzeugt merkwürdige Klickgeräusche. Ich vermute jetzt mal, dass er zur zugegebenermassen eher eigentümlichen Diebstahlprophylaxe ein zum Betrieb notwendiges Teilchen entfernt. Altersparanoia ist dies dann wohl. Nur schon, dass er überhaupt dort parkt, wohnt und arbeitet er doch scheinbar ganz woanders, spricht dafür.
Nach erledigter Parkzeremonie trottet er jeweils äusserst behäbig und meist mit einem eher an ein Röcheln erinnerndes Husten aus unserem Hof, über die Strasse und verschwindet zwischen dem Restaurant Schweizerhof und der ehemaligen Kutscherei aus meinem Blickfeld. Zu Bemerken wäre noch, dass er an den Tagen an welchen er mehr röchelt denn hustet, also vermutlich erkältet ist, jeweils auf den Gehweg schnäuzt. Dazu beugt er sich, bemerkenswerterweise immer an der selben Stelle, die ich übrigens auf dem Weg zur Arbeit stets meide, vorn über, drückt sich einen Finger auf den einen Nasenflügel und bläst durch das freie Nasenloch seinen Rotz auf den Boden. Anschliessend das gleiche mit der anderen Nasenöffnung. Mit dem Handrücken wischt er sich dann das hängengebliebene von der Oberlippe. Seine Hand wiederum wischt er sich dann an seiner Hose ab.

Heute Morgen ungefähr um halb Sechs gesellte sich allerdings zu seinem stets gleichen Auftritt eine weitere Kuriosität. Denn bevor der Mofamann wie üblich in der Gasse verschwand, trat auf der gegenüberliegenden Strassenseite eine Gestalt wortwörtlich aus dem Schatten und flüsterte den alten Mann zu sich. Dieser schien, im Gegensatz zu mir, keineswegs überrascht zu sein. Aber im Gegensatz zu der Gestalt flüsterte er nicht sondern lallte relativ lautes, unverständliches Zeugs. Dies veranlasste die Gestalt, den Mofamann zum Still sein aufzufordern und ihn per unauffälligem Kopfnicken in meine Richtung auf mich aufmerksam zu machen. Scheinbar hatte mich die Gestalt schon längst bemerkt, noch während ich dem alten Mann beim Parkieren zusah. Der Mofamann drehte sich also um, sah zu mir hoch, bemerkte mich, verstand und schwieg.
Ich begriff, dass mich nicht nur das Glühen meiner Zigarette verraten hatte sondern ich auch aufgrund meiner Zimmerbeleuchtung von der Strasse her zumindest schemenhaft gut sichtbar war. Die Gestalt sah immer noch zu mir hoch. Wartend, aber fast schon auffordernd. Ich löschte also meine Zigarette, ging ins Zimmer und tat selbiges mit meiner Zimmerlampe. Dann ging ich in die Küche, machte dort alle Lichter an, ging dann aber wieder zurück ins Zimmer und auf die nun dunkle Hälfte des Balkons. Der Mofamann und die Gestalt unterhielten sich derweil wieder, glaubten sich also unbeobachtet. Die Unterhaltung war aber völlig unverständlich. Denn die Gestalt flüsterte und der Mofamann lallte weiterhin relativ laut und schien aufgebracht, worauf die Gestalt den alten Mann immer wieder zu Beruhigen versuchte. Zudem, und das war wirklich obskure, tauschten sie während dem ganzen Geflüster und Gelalle Dinge aus. Ich habe keine Ahnung was es war, aber es war klein genug, um in die Manteltaschen des Mofamannes zu passen. Aber es war nicht ein Tausch. Sie tauschten unentwegt. Die Gestalt nahm was aus seiner Tasche, gab es dem alten Mann und nahm dafür etwas von ihm entgegen. Und dies mehrere Male. Einmal hielt der Mofamann inne um seine Nasenentleerung zu wiederholen, fuhr dann aber damit fort, der Gestalt seinen Mantelinhalt etappenweise zu übergeben. Dazwischen lallte er immer wieder etwas und ich begriff, dass es eine fremde Sprache war. Die Gestalt antwortet jeweils im Flüsterton und sah sich immer wieder um, was meine Vermutung verstärkte, dass die beiden etwas illegales taten. Nach ungefähr fünf Minuten war der Tausch scheinbar vollbracht. Die Gestalt verschwand wieder im Schatten, der Mofamann in der Gasse, in welcher er immer verschwand und ich in die Küche.
Für einen zweiten Kaffee und um ein bisschen zu Schreiben.

    15 Kommentare

  • Kevin

    Woher weisst DU denn, dass man einen Turbo abkühlen lassen muss? Hm?

    Ach und übrigens, du solltest Krimi-Autor werden.

  • @Kevin: HEEE…ich fahr denks auch öppendi Turbo. Und beim Geschäftsauto tu ich einfach amigs so als ob.

    Vielen Dank, ich werte das als Kompliment. :-)

  • Kevin

    Jo he, das ist aber nicht selbstverständlich, dass man das weiss. Gibt viele die nichtmal wissen, dass sie ein Turbo im Wagen haben geschweige denn, dass man den abkühlen lassen muss.

    Das ist auch als Kompliment gedacht. Ich war beim Lesen vorhin richtig gespannt, ob jetzt der kleine Damian von der dunklen Gestalt entführt und gefoltet wird. Da ist Hitchcock gleich langweilig dagegen.

  • Simon

    Anhand den in Deinem Bericht beschriebenen Eigenschaften der Kreaturen vermute ich, dass es sich bei den Tauschobjekten um Beverly Hills 90210-Sammelkarten handelte.

  • @Kevin: Danke ~O~

    @Simon: Sehr wahrscheinlich.

  • Schön zu wissen, dass du doch noch schreiben kannst ~O~
    Zum Glück schlafe ich dann noch immer. Meistens sehe ich nur die friedlichen Müllmänner. BROOOOOOOOOOOOOOM SWUUUSHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH FRRRRRRRRRRR BRRRRROOAOAMAMAOAMOAMOAA!!!

  • @Marco: Was heisst hier ‘doch noch’? Ha? HA?

  • Ja ich zweifelte an deinen Fähigkeiten. Aber du hast ja wie gesagt doch noch die Kurve gekriegt :)

  • @Marco: Warum das? :-(

  • Hannah

    Mehr davon!!
    Und beim nächsten Mal noch näher daran, raus aus der Wohnung und mithören und noch mehr erkennen.

    • Ich geb mir Mühe.
      Aber näher runter geh ich sicher nicht. Sonst werd ich noch vergewaltigt. :-(

  • Hannah

    Das glaube ich nicht, also mit dem vergewaltigen.
    Aber vielleicht bekommst du ein bisschen mit und wer weiss was sie sagen, wenn sie dich sehen und auffordern zu gehen. Oder sie bemerken dich erst gar nicht, beide Versionen sehr spannend. Und ich bin sehr neugierig, wie du merkst.
    Ach ja und sonst einfach schnell weg laufen, wenn du gut darin bist. Verfolgungsjagd ist immer gut in einer Geschichte.

  • @Hannah: Mal sehen. Das Tausch-Manöver kam bis jetzt ja erst einmal vor. Aber ich könnte ja einen Peilsender an das Mofa kleben. TÖN TÖN TÖÖÖN!

  • Hannah

    Peilsender sind blöd in einer Geschichte, finde ich.
    Hoffentlich wird das Tausch-Manöver überhaupt wiederholt und evtl. dann immer jeden Monat oder jede zweite Woche… also bleibt der alte Beobachtungsposten erst einmal bestehen.
    Halt einen bloss auf dem Laufenden.

  • @Hannah: Verstanden. Ausführen, Marsch!

Kommentar schreiben oder Artikel mögen

Rauf
Über
Damian

Der fastvierteljahrhundertjährige Damian ist alles andere als ein Internetkind erster Stunde, bewegt sich aber in Anbetracht dessen ausserordentlich agil durchs Netz.

Aus den knapp dreizehn Billiarden Websites die er gerne liest, filtert er zum Wohle der Menschheit das in seinen Augen beste heraus und präsentiert es, garniert mit seiner Meinung dazu, auf diesem Blog hier.

Dazu gehört vor allem alles Schöne. Von Graphic- über Web- bis hin zu Motiondesign, aber auch Kurzfilme, Videos und ‘klassische’ Kunst. Allgemein hegt er ein Faible für alles, was dem Betrachter ein “Woah” zu entlocken vermag.

Das zum einen. Zum anderen bloggt er gerne über lustiges Zeugs. Insbesondere in der von ihm als Neuzeit-Humor bezeichneten Kategorie Internet-Humor (Wait what).

Das zum anderen. Zum anderen anderen berichtet er zwischendurch auch über persönliches. Dazu zählt sowohl alles private, das er mitteilungswürdig findet (Stalkerfutter) als auch Zwischenbilanzen oder kurze Hinweise auf Projekte, die er, meist unter der Obhut von LUAGSH, abgeschlossen hat oder abschliessen wird (Luagshprojekte und Hausgemachtes).

Weitere Inhalte dieses Blogs sind natürlich auch noch Filme, über die Damian ein beträchtliches aber gerne unterschätztes weil hier nicht allzustark präsentiertes Wissen besitzt. Also Obacht.

Von Zeit zu Zeit und immer öfters sind hier auch Videospiele ein Thema, die schliesslich ein wichtiger Bestandteil von Damians Freizeit sind und allgemeinhin noch den völlig falschen Ruf haben, was er gerne ändern würde.

Vorschläge für Artikel und Kritik nimmt Damian gerne entgegen: Per elektronischer Post. Per Twitter. Per Facebook. Per Google+.

Und: Für alle hier veröffentlichten Fotos und Videos und ähnlichem Zeugs, dass ich selber gemacht habe (!), habe ich das alleinige Herrschafts-Diktatoren-Recht-Tyrannei-Dingsbums. Also Copyright und so. Ihr wisst schon. Aber selbstverständlich darf man mich gerne fragen, ob man etwas weiterverwenden darf. Ich sag ja dann ohnehin ja. Meistens. Man kann es aber auch einfach nehmen, ohne zu fragen, solange es irgendwo ein Vermerk auf mich und meine Seite gibt. For the Fame, you know.

Rauf
Portfolio
Easteregg